The Pearl of Africa – eine Schattenseite

The Pearl of Africa ist eine äußerst emotionale, bewegende und lehrreiche Dokumentation von Jonny von Wallström über Transgender in Afrika, die im Laufe des Film Festivals „This Human World“ (1. – 11.12.2016) in Wien präsentiert wurde.

Uganda und LGTBI

Uganda 2016. Man sollte meinen, dass in unserer modernen Welt kein Platz mehr für solch großen Hass gegenüber anderen Menschen ist. Dass man Liebe offen und ehrlich toleriert. Egal ob Mann und Mann, Frau und Frau oder Mann und Frau. Egal ob homo-, hetero-, trans- oder intersexuell – im Grunde sind wir doch alle gleich. Nicht so in Uganda. Immer wieder gibt es Protestbewegungen. Menschen gehen gegen ihre Mitmenschen auf die Straße, um die Todesstrafe für Homosexualität einzufordern. Zurzeit droht „nur“ ein Leben im Gefängnis. Zu wenig, meinen viele.

Im falschen Körper geboren

Cleopatra Kambugu, 28, ist sich ihrer gefährlichen Lage bewusst. Als Transgenderfrau darf Cleo nicht erkannt werden, die Tatsache, dass sie im falschen Körper geboren wurde, wird von ihrer Gesellschaft als „Krankheit“ angesehen. „Nicht angeboren, sondern anerzogen“, so lautet die Meinung vieler. Als sei es ein Verhalten, das man austreiben kann. Wenn nötig auch mit Gewalt. Von ihrem eigenen Vater wird sie beim cross – dressing erwischt und mit einer Eisenstange verprügelt. Mehr als die Vertretung dieser brutalen Erziehungsmethode erfahren wir nicht über ihm, er scheint die junge Frau nicht zu akzeptieren und aus seinem Leben verbannt zu haben. Mutter und Schwester dagegen geben sich unterstützend, zu beiden hat Cleo ein enges Verhältnis. „Sie war zwar äußerlich ein Junge, doch innerlich war sie für mich schon immer eine Schwester“, erzählt Cleos Schwester in diesem Zusammenhang. In ihrer Kindheit wurde sie mit Worten wie „girl – boy“  beschimpft – Cleo wusste von Anfang an, dass sie anders war. Ein Anders, das sehr gefährlich werden kann.

Eine einzigartige Liebe

Nicht einmal ihre Schwester dachte, dass Cleo jemals einen Partner finden würde. Zu außergewöhnlich sei ihre Geschichte und zu konservativ ihr Land. Doch Cleo hat ihre große Liebe gefunden. Nelson. Er ist ihre große Stütze, nun schon seit 10 Jahren. Es ist eine außergewöhnliche Liebesgeschichte, die die beiden jeden Tag aufs Neue zusammenschweißt. Doch Nelson war nicht immer so offen und tolerant. Wie viele Ugander kannte er lange Zeit nicht die Bedeutung von Transgender. Erst, als er sich näher mit dem Thema befasst hat, wurde er aufgeschlossener. Mittlerweile gehört auch er zur Community. Transgender gibt es überall – auch in Uganda. Auch, wenn das von den meisten gerne vergessen wird. Hier haben sich Menschen mit dem gleichen schwierigen Schicksal, dem selben Leidensweg, zusammengeschlossen. Nun singen und beten sie gemeinsam. Beten, dass sie eines Tages von der Gesellschaft genau so akzeptiert werden, wie sie sind. Das ist auch Cleos größter Wunsch.

Auf der Flucht

Eines Tages erscheint Cleos Foto auf dem Titelblatt einer Zeitung. Gleich daneben prangt ein Artikel über lebenslängliche Haft für Homosexuelle, ein Anliegen, wofür bereits tausende Menschen protestierten. Kurz darauf verliert Cleo ihren Job und muss um die Sicherheit ihrer Familie bangen. Viele wenden sich von ihr ab, um selbst nicht in Gefahr zu geraten. Sie kann das Haus nicht mehr verlassen, muss sich ständig verstecken und darauf achten, nicht von den falschen Leuten gesehen zu werden. Nur ein falscher Schritt könnte zu einem Leben im Gefängnis führen. So möchten weder Cleo noch Nelson weiterleben. Das Paar beschließt, aus Uganda zu fliehen, wohl wissend, dass die beiden ihre Heimat nie wieder sehen werden. Zu gefährlich ist das Leben hier, da Cleo nun als Transgenderfrau erkannt wurde.

Ein neues Leben

Die beiden reisen nach Thailand, wo Cleo sich einigen Operationen unterzieht, um auch äußerlich weiblicher auszusehen. Zwar hat sie bereits mit einer Hormontherapie angefangen, doch nun ist sie bereit, den nächsten Schritt zu wagen und sich Brustimplantate einsetzen zu lassen. Ihr Partner Nelson steht ihr dabei immer zur Seite und begleitet sie wohin sie auch geht. Nach der Operation bleibt er ständig bei ihr, um geduldig zu warten, dass seine Verlobte aufwacht. Die Operation bereitet Cleo große Schmerzen, doch sie ist dennoch glücklich. Ihren Lebenswillen und ihre positive Einstellung hat sie trotz vieler negativer Erfahrungen nie verloren. Durch die vielen Menschen, die ihr beistehen, konnte sie alle Herausforderungen meistern. Unterstützung erhält sie auch von ihrer Mutter und ihrer Schwester, die zwar nicht bei ihr sein können, aber täglich mit ihr telefonieren. Die größte Stütze ist und bleibt aber Nelson. Die beiden sind überglücklich mit einander. Wir sehen sie innig umarmend, tanzend und lachend. Ein schönes Paar. Eine unglaubliche Liebesgeschichte. 10 Jahre. Eine lange Zeit. Ein harter Weg, für den sie sich entschieden haben, doch sie sind ihn bis zum Ende gegangen. Heute leben die beiden in Nairobi, wo es einigermaßen sicher für sie ist. Doch der Traum, irgendwann in ihre Heimat zurückzukehren, wird wohl immer in ihren Herzen bleiben.

Bewertung

The Pearl of Africa ist ein unglaublicher Film über ein Schicksal, das nahe geht. Cleo ist eine bewundernswerte, starke Frau, die ihren eigenen Weg geht. Trotz zahlreicher negativer Erfahrungen hält an ihrer positiven Einstellung fest. Das spielgelt sich auch im Film wieder. Denn dieser fokussiert sich auf Cleos Freude am Leben und nicht auf die scheinbare Aussichtslosigkeit der Lage. Ihre Geschichte zeigt, dass es Hoffnung gibt, sie wird getragen von ihrer Lebenslust und ihren neuen Erfahrungen. Auch Nelsons Rolle ist bemerkenswert, denn er steht in schwierigen Situationen, die auch ihn selbst in Gefahr bringen könnten, stets zu seiner Verlobten. Vergleichsweise kurz wird die aktuelle Lage der LGTBI Community im Film dargestellt. Die Proteste gegen Homosexualität und Interviews mit Fernsehmoderatoren lassen die Zuschauer dennoch schockiert zurück. Mehr muss man gar nicht sehen. Einzelne Aussagen bringen die Denkweise der Mehrheit exakt auf den Punkt, beispielsweise: „For gods sake it’s not a human right- it’s a human wrong!“ – eine Aussage einer Moderatorin über Homosexualität. Dieser Film regt sehr zum Nachdenken an. Denn was für uns in Europa mittlerweile fast normal ist, wird in anderen Ländern mit dem Tod oder mit einem lebenslangen Gefängnisaufenthalt bestraft…

Diskussion

Bei der Diskussion nach dem Film mit einer Entwicklungshelferin, einem Universitätsprofessor und einer Frau, die selbst aus Uganda stammt, erfahren wir ein wenig mehr über die Hintergründe des Films. Alle drei haben sich intensiv mit dem Thema Transgender und der LGTBI Community auseinander gesetzt oder Entwicklungshilfe vor Ort geleistet. Die Diskussion findet fast ausschließlich zwischen den ExpertInnen statt.

Sexualität in Uganda

Die katholische Kirche hat in Uganda sehr großen Einfluss. Sexualität ist ein Tabuthema und wird nicht einmal im Fernsehen gezeigt. Viele Ugander wissen nichts über Homo- oder Transsexualität. Es ist etwas Fremdes, etwas Unheimliches. Etwas, wovor die Menschen Angst haben und deshalb zu tausenden auf der Straße protestieren. Töchter und Söhne werden bei der öffentlichen Vorführung ihrer Gefühle aus der Gesellschaft ausgeschlossen und verstoßen. Ein sicheres Leben ist nur im Verborgenen möglich. Doch auch hier besteht die Gefahr, erwischt zu werden. Sobald Homosexualität nachgewiesen werden kann, verlieren diese Menschen ihren Job und zugleich meist auch Familie und Freunde, die sich von ihnen distanzieren, um nicht selbst in Gefahr zu geraten. Oft haben homosexuelle Männer keine andere Wahl, als Sexarbeit zu leisten. Ihre Kunden sind meist bisexuelle Männer, die Frau und Kinder zu Hause haben und ihre geheime Vorliebe auf diese Art ausleben. Sexarbeit ist eine gefährliche Arbeit, oft werden die Arbeiter verprügelt und nicht bezahlt. Doch es ist für viele der einzige Weg zu überleben. LGTBI Organisationen zur Unterstützung der Community gibt es in Uganda nicht – zumindest nicht offiziell. Diese Organisationen nennen sich meist „Human Rights Organisations“ und bleiben im Untergrund. Bis jeder Mensch in Uganda seine Sexualität frei ausleben kann, ist es noch ein weiter Weg.

Ein Blick in die Zukunft

The Pearl of Africa weckt Hoffnung. Hoffnung auf Veränderung, auch, wenn diese nur langsam voran geht. Manches hat sich bereits geändert. Vor 10 Jahren wäre es beispielsweise unmöglich gewesen, als Frau einen Minirock auf der Straße zu tragen. Heutzutage ist das kein Problem mehr. Es sind kleine Schritte, doch es gibt sie. Die Hoffnung, dass alle Menschen eines Tages auch in Uganda so leben können, wie sie es möchten. Cleos Beispiel zeigt, dass man mit der richtigen Unterstützung alles schaffen kann. Sie ist eine unglaublich starke Frau mit dem Ziel, die erste akzeptierte Transgenderfrau in Uganda zu werden. Wir können nur hoffen, dass sie es eines Tages auch erreichen möge.

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