Hass im Netz – ein Interview mit Anna Laura Kummer

Anna Laura Kummer ist seit 2011 Vloggerin auf YouTube und ist mit knapp 260.000 Abonnenten Österreichs bekannteste Youtuberin.
Die Idee kam ihr während ihres Auslandssemesters in Amerika und sie gewann schnell die Herzen der Abonnenten für sich. Aus Anna goes USA wurde dann annalaurakummer.

Seit 2015 hat sie auch einen eigenen Blog (www.annalaurakummer.com), seit 2016 ihren eigenen Online-Shop Anna Laura Loves, in dem sie ihre selbstdesignten Handyhüllen verkauft.
Anfangs kannte die Burgenländerin noch keinen Hass auf ihren Kanälen, erst mit der hohen Reichweite und später den sensibleren Themen, wie Fair-Fashion und
Veganismus, wurde die Anzahl der Neider und Hater mehr.

Da viele dieser Kommentare sehr verletzend waren, wurden sie gelöscht. Wir zeigen hier nur einige harmlosere Beispiele, die wir noch finden konnten:

unbenannt

In einigen Fällen, in denen die Hasskommentare eine extrem Form angenommen haben, hat Anna sich dazu entschlossen, die Kommentarfunktion für diese Videos zu deaktivieren. Ein Beispiel hierfür wäre das Video „Meine 6-jährige Schwester schminkt sich“.

Interview

Seit wann machst du Youtube und deinen Blog? Wie bist du dazu gekommen?

Anna: Ich hab 2011 mit Youtube gestartet, mein Blog ist dann 2015 dazu gekommen. Und ich hab gestartet, weil ich für ein halbes Jahr nach Amerika gegangen bin und von meiner Reise berichten wollte.

Und das ist derselbe Channel wie heute?

Anna: Genau, der hat anfangs noch „Annagoesusa“ geheißen.

Wann und in welcher Form hast du die ersten Erfahrungen mit Hasskommentaren oder Hass im Netz gemacht?

Anna: Ich glaub, anfangs haben echt wenige Leute zugeschaut und da hat es wenig Hate gegeben. Als ich dann mehr Aufrufe bekommen habe, sind dann auch mehr Hater und Neider dazugekommen. Ich glaube, als ich meine Schwester das erste Mal gezeigt habe – damals war sie 4 oder 5 […] – da gabs sicher einige Hater, da das Video auch viele Aufrufe hatte.

Wie hast du zu Beginn auf die Kommentare und auf die Hater reagiert ?

Anna: Anfangs versucht man sich immer zu rechtfertigen. Ich sehe das jetzt auch bei meinem Freund. Er startet vielleicht auch bald einen Blog bzw. ist auf Instagram immer aktiver und hat das erste Mal mit Hate zu tun. Ich sehe wie er reagiert – er schreibt einen ganzen Absatz [auf einen Hater Kommentar] zurück und beschimpft die Person. Er begibt sich also auf das Niveau herab und ich denke, das macht jeder so am Anfang. Ich habe das bestimmt genauso gemacht damals mit 15, weil es quasi der erste Instinkt ist.

Wie hast du dann gelernt damit umzugehen und anders zu reagieren?

Anna: Es war eine Mischung aus Ratschlägen von anderen und Learning by doing. Ich habe einerseits von meiner Mama viele Ratschläge bekommen, aber auch von Zuschauern, die mich getroffen haben oder mir geschrieben haben. Viele haben mir versucht zu helfen, weil sie gemerkt haben, dass mir der Hate sehr nahe geht. Ein ehemaliger Schulfreund hat mir z.B. einmal einen ganzen A4 Zettel mit Tipps geschrieben, wie man mit Hate umgehen könnte. Es war wirklich hilfreich und es waren gute Tipps dabei. Es ist schwer, vor allem, wenn man selber Zweifel hat oder selber mit einer Sache nicht so zufrieden ist. Man muss sich dann einfach bewusst machen, dass die Menschen einen nicht persönlich kennen und nicht alles wissen.

Löschst du Kommentare, die sehr untergriffig sind?

Anna: Ich lösche schon oft. Ein Kommentar ist ja dazu da, um die Person zu informieren und um seine Meinung dazulassen. Wenn ich den Kommentar gelesen habe, lösche ich ihn ab und zu, wenn er mich sehr angreift oder wirklich unter der Gürtellinie ist. Bei Youtube ist es auch so, dass man Kommentare liken kann und wenn ein negativer Kommentar dann ganz oben steht, weil er 30 Likes hat, dann lösche ich auch oft, weil ich einfach nicht möchte, dass man gleich hate sieht, wenn man runterscrollt. Das zieht dann noch mehr hate an und das versuche ich zu vermeiden.

Auch auf Instagram war es eine Zeit lang sehr schwer, vor allem, als ich auf vegane Ernährung umgestiegen bin. Da habe ich oftmals Kommentare gelöscht und dann auch wieder Hate fürs Löschen bekommen.

Nachhaltigkeit war ein Problem für manche Leute?

Anna: Ja, auf jeden Fall!

Und was genau haben die Leute kritisiert oder was war das Problem?

Anna: Am Anfang, wenn man von etwas sehr überzeugt ist, dann schreibt man ja sehr positiv darüber und ist eher radikaler als wenn man es schon länger macht. Damals war ich so: das ist DIE richtige Ernährung und es gibt nichts Anderes, was ich akzeptieren kann und ich war, das muss ich schon sagen, manchmal zu überzeugt davon und das kann die Leute auch angreifen. Mittlerweile ist es eher so, dass ich kritisiert werde, wenn ich etwas nicht so Nachhaltiges mache, also zum Beispiel wo hinfliege oder mir etwas neues, Nachhaltiges kaufe. Die Leute sagen dann: „Du hättest auch einfach nichts kaufen können.“ Mittlerweile bin ich selber ruhiger geworden und versuche, dass der nachhaltige Aspekt nur nebenbei ist. Dass die Leute meine Outfits oder Rezepte sehen und erst im Nachhinein realisieren, dass es nachhaltig oder vegan ist.

Du positionierst diese Themen also nicht mehr so stark wie am Anfang?

Anna: Genau! Einerseits aus Abwehr, also um zu vermeiden, dass sich die Leute angegriffen fühlen, aber auch, weil es schon natürlicher für mich geworden ist. Ich muss jetzt nicht mehr ständig sagen: das ist vegan. Mittlerweile weiß ich es und die Leute wissen es ja auch! Wer es nicht weiß, wird trotzdem positiv beeinflusst.

Wo hört für dich konstruktive Kritik auf und wo fängt Hate?

Anna: Schwieriges Thema. Es kommt nicht nur auf die Wortwahl und den Kontext an, sondern auch darauf, wie man sich in dem Moment fühlt. Man kann zum Beispiel konstruktive Kritik auch mal als Hass sehen, wenn man sich grade schlecht fühlt und es einem das gewisse Extra gibt. Das ist individuell sehr verschieden!

Auch, wenn jemand konstruktive Kritik gibt und auf etwas hinweist und dann kommen 5 Leute, noch danach, die dasselbe kritisieren, obwohl man ja sieht, was schon kommentiert wurde, dann ist es für mich auch nicht mehr konstruktiv.

Haben dich die negativen Kommentare stark belastet? Und wann haben sie begonnen, dich stark zu belasten?

Anna: Es ging in meiner Youtube Laufbahn immer ein bisschen bergauf und bergab. Es gibt Videos, die viel Hass bekommen, wo ich drüber lachen kann und dann gibt’s Videos, da bekomme ich Hass über sensiblere Themen.

Es gibt Videos mit meiner Schwester, die werden sehr oft aufgerufen und es steht dann ganz oft „Du bist hässlich!“, „Deine Schwester ist hässlich!“, „Seid ihr russisch? Ihr könnt ja nicht mal deutsch sprechen?“. Einfach solche Dinge, die dann schon so lächerlich sind, dass man darüber lachen kann. Und dann gibt es auch Hasskommentare, die wirklich dich persönlich angreifen und das nimmt man sich viel mehr zu Herzen.

Ist dir ein bestimmter Kommentar in Gedanken geblieben, der besonders schlimm für dich war?

Anna: Was mich schon belastet sind Kommentare, die man in einer Phase bekommt, in der man vielleicht selber grade nicht so viel Selbstbewusstsein hat. Wenn man grade selbstkritisch ist oder es Aspekte gibt, bei denen man selber denkt: „Oh, das könnte ich verbessern.“ Wenn dann jemand genau das extrem kritisiert, dann fängt man eben an, an sich selbst zu zweifeln. Da habe ich eher Angst davor und da fühle ich mich sehr schlecht. Ein Beispiel wären Produktplatzierungen. Man macht sich Sorgen, ob es die Leute gut aufnehmen werden und dann gibt es immer Personen, die schreiben „Du hast das so schlecht umgesetzt“. Oder es kommt jemand und schreibt: „Deine Videoideen gehen dir langsam aus, das merkt man“ – und man fragt sich selbst: „Stimmt das? Hat die Person recht?“

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Analyse

Schon vor dem Interview haben wir uns intensiv mit dem Thema „Hass im Netz“ auseinandergesetzt und konnten durch das Gespräch mit Anna noch einige neue Perspektiven und Ansichten kennenlernen. Im Rahmen der Analyse wollen wir uns mit der Frage beschäftigen, welche Motivation hinter dem Verfassen von Hasskommentaren steht und ob Eifersucht eine Rolle spielt. Außerdem haben wir uns gefragt, ob die Anonymität ein Auslöser für das Verfassen von Hasskommentaren ist oder dieses verstärkt.

Wir konnten beobachten, dass besonders auf Youtube Hasskommentare häufig vertreten sind, was sehr für den Anonymitäts-Aspekt spricht. Auf kaum einem anderen Kanal ist es so einfach einen Kommentar zu verfassen, ohne seine Identität preiszugeben, wie auf Youtube. Es ist zwar ein Google Konto erforderlich, jedoch ist es weder notwendig, ein Bild öffentlich in sein Profil zu stellen, noch seinen Namen zu verraten. Im Unterschied zu Blogs ist es bei Youtube auch nicht möglich, die IP-Adresse des Verfassers herauszufinden und alles, was bleibt, ist ein Nutzername. Für uns waren das klare Zeichen dafür, dass Anonymität vielen Hatern ein sicheres Gefühl gibt und sie nur Hasskommentare verfassen, weil sie sich sicher fühlen und wissen, dass sie unerkannt bleiben. Dinge, die man im echten Leben niemals einer Person ins Gesicht sagen würde, werden leichtfertig hingeschrieben – schließlich ist es so einfach und erfordert nur einen Klick.

Zum Thema Eifersucht haben wir uns ebenfalls einige Gedanken gemacht und uns gefragt: „Wie entsteht Eifersucht?“, „Wie gehen Menschen mit Eifersucht um?“. „Welche Coping-Mechanismen gibt es?“. Ein selbstsicherer, gefestigter Mensch wird anders mit dem Gedanken „Die Person hat etwas, das ich auch gerne möchte“ umgehen, als jemand, der unzufrieden mit seiner Situation ist oder wenig Selbstbewusstsein hat. Egal, ob es sich dabei um materielle Besitztümer handelt, oder um Äußerlichkeiten, Persönlichkeitszüge oder zwischenmenschliche Beziehungen. Bin ich ein Mensch, der sein Denken und seine Handlungen reflektiert, dann werde ich feststellen, dass jeder ein Individuum ist und jeder für sich und seinen Erfolg arbeiten muss. Schwieriger wird es, wenn ich mir keine Gedanken darum mache, sondern die Dinge oberflächlich betrachte. Grundsätzlich sind wir zu der Erkenntnis gekommen, dass Eifersucht dazu führt, dass Menschen Hasskommentare verfassen.

Schlusswort

Zum Schluss möchten wir uns noch herzlichen bei Anna bedanken, dass sie sich in der stressigen Vorweihnachtszeit die Zeit genommen hat, das Interview mit uns durchzuführen.

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geschrieben von Carina, Carmen und Julia

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